Bareback - Modewort oder Freipass zu unsafem Sex?

Sex gehört zum schwulen Leben. In den unterschiedlichsten Formen. Allein, zu zweit, zu dritt oder auch zu viert.
Das Bedürfnis nach erfüllter Sexualität haben HIV-negative Schwule genauso wie HIV-positive oder aidskranke Schwule. Positiv und Sex!?
Da fällt einem zunächst vermutlich das Thema Barebacking ein. Leider!!

Doch positiv sein und Sexualität umfasst sicherlich mehr als nur das Thema unsafer Sex. Da wäre zum Beispiel der Positive, der seit Jahren keinen Sex mehr hat, weil er Angst hat, er könnte andere Männer infizieren, oder das Paar, welches Sexualität nicht mehr als befriedigend empfindet, weil Sex entweder immer mit Gummi zu geschehen hat oder aber ein hohes Infektionsrisiko für den nichtinfizierten Partner bedeutet. Dann der Schwule, der aufgrund seiner Lipodystrophie das Gefühl hat, nicht mehr attraktiv genug zu sein. Der Aidskranke, der nicht weiss, ob er sich noch auf eine Beziehung einlassen will und kann. Oder der Medikamente Einnehmende, der keinen mehr hochkriegt. Die Liste liesse sich wohl beliebig weiterführen. Aber eben, gesprochen wird nur über Bareback. Dies machen wir hier nun auch. Nicht, weil wir denken, dass es das einzige Thema ist, wohl aber, weil wir hoffen, nachher auch noch über anderes sprechen zu können.

Im Internet und in einschlägigen Magazinen sieht man zunehmend mehr Kontaktanzeigen und Profile mit dem Stichwort „bare“ beziehungsweise „Bareback“ oder unter Angabe, dass Safer Sex egal oder Verhandlungssache sei – von HIV-negativen wie von HIV-positiven Männern. Warum dieser Trend?

Die folgenden Fragen und Antworten sollen zeigen, worum es geht, und einige Mythen aufgreifen.

 

1. Was ist eigentlich Barebacking?

Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Amerikanischen und bedeutet soviel wie „ungesattelt“ oder „Reiten ohne Sattel“. Im sexuellen Zusammenhang ist damit Bumsen ohne Pariser gemeint. Zu Beginn wurde der Begriff Barebacking unter HIV-Positiven in den USA benutzt. Sie feierten geschlossene Partys, an denen HIV-Positive untereinander ungeschützten Sex hatten.
Inzwischen wurde aus dem Begriff Barebacking ein Modewort, welches als Synonym für jegliche Art von unsafem Sex verwendet wird: Bumsen ohne Pariser, Aufnahme von Sperma in Mund und After – unabhängig vom Serostatus der Sexpartner.
Die genannten unsafen Sexpraktiken beinhalten alle ein hohes Risiko, sich oder den Sexpartner mit HIV zu infizieren. Außerdem erhöhen sie das Risiko einer Ansteckung mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B, Syphilis oder Tripper.

2. Was sollte Mann bei der Frage „Barebacking – ja oder nein?“ beachten?

Mann sollte sich schon im Vorfeld die Risiken bewusst machen, die Mann eingeht bzw. einzugehen bereit ist. Wer auf ungeschützten Sex nicht verzichten will, sollte den HIV-Status mit seinem Sexpartner zu klären versuchen. Nur gibt es dabei folgendes zu bedenken:
Auch wenn dein Sexpartner angibt, HIV-negativ zu sein, gibt es dafür absolut keine Gewähr. Ein negatives Testergebnis hat eine begrenzte Aussagekraft. Der Test besagt nur, dass bis 12 Wochen vor dem Test keine Infektion stattgefunden hat. In der Zwischenzeit kann aber viel passiert sein.
Wenn jemand ungeschützten Sex will oder nicht auf Safer Sex besteht, kann das manches heißen:

Im Übrigen wissen längst nicht alle Schwulen, ob sie HIV-positiv oder HIV-negativ sind. Drei von neun HIV-positiven schwulen Männern wissen über ihre Ansteckung nicht Bescheid!

3. Welches Risiko gehe ich als HIV-Negativer beim Bareback-Sex ein?

Du riskierst beim ungeschützten Sex eine Ansteckung mit HIV. HIV-positiv zu sein ist auch heute, trotz Behandlungsmöglichkeiten, eine schwere Erkrankung. Die medikamentöse Behandlung kann dein Leben stark beeinträchtigen und schwere Nebenwirkungen und Folgeschäden hervorrufen. 10% aller Neuinfektionen sind resistent gegen einzelne oder mehrere Medikamente.

4. Welches Risiko gehe ich als HIV-positiver Mann beim Bareback-Sex mit einem HIV-negativen Mann ein?

Du kannst deinen Sexpartner mit HIV infizieren.
Auch wenn der andere das Risiko bewusst in Kauf nimmt, kann es sehr belastend sein, jemanden angesteckt zu haben. Falls du einen HIV-negativen Mann im Internet oder irgendwo triffst, der sich unbedingt von einem HIV-Positiven bumsen lassen will, lass es bleiben und gib ihm die Adresse einer der regionalen Aids-Hilfen.
Vergiss nicht, du gehst das Risiko einer Strafverfolgung ein, wenn du jemanden ansteckst. Eine Verurteilung kann dich mehrere Jahre ins Gefängnis bringen. Die Rechtssprechung spricht von schwerer Körperverletzung.

5. Welches Risiko gehe ich als HIV-Positiver mit einem ebenfalls HIV-Positiven ein?

Es besteht die Möglichkeit einer so genannten Ko- oder Superinfektion. Das bedeutet, dass du dich mit anderen Virenstämmen als dem deinigen ansteckst. Unter Umständen sprechen dann deine Medikamente nicht mehr an, vielleicht hast du dir sogar einen resistenten Virenstamm eingehandelt - mit allen negativen Konsequenzen.
Wenn du in einer festen Beziehung bist und wenn du und dein Partner HIV-positiv seid, lasst euch von eurem Arzt beraten oder bestellt euch die Broschüre "Beziehung und Sexualität" bei der Aids-Hilfe Schweiz oder bei einer der regionalen Aids-Hilfen.

6. Welches Risiko gehe ich als HIV-negativer Mann beim Bareback-Sex mit einem HIV-negativen Mann ein?

Du gehst natürlich kein Risiko ein, dich mit HIV zu infizieren. Aber wie sicher kannst du sein, dass dein Sexpartner wirklich HIV-negativ ist? Gerade bei Kontakten übers Internet stimmt längst nicht jede Auskunft. Das beginnt beim Alter, geht über die Schwanzgröße und endet beim HIV-Status oder der Angabe, gesund zu sein.
Auch beim anonymen Sex in Parks oder Darkrooms weißt du nie, ob der andere HIV-positiv oder HIV-negativ ist. Sich dabei auf ein Gefühl oder auf das "gesunde Aussehen" des anderen zu verlassen, kann fatale Folgen haben.

7. Welches Risiko gehe ich beim Bareback-Sex bezüglich anderer Geschlechtskrankheiten ein?

Bareback-Sex erhöht das Risiko, sich mit einer anderen sexuell übertragbaren Krankheit zu infizieren. Dies gilt vor allem für Syphilis, Tripper, Feigwarzen und Hepatitis B. Für HIV-Positive ist eine Erkrankung mit einer STD eine zusätzliche Belastung für das Immunsystem. Zudem verlaufen die Infektionen bei HIV-positiven Menschen oftmals schneller und schwerer und sind schwieriger zu behandeln. Eine unbehandelte STD erhöht zudem das Risiko, sich mit HIV zu infizieren oder jemanden zu infizieren. Gegen Hepatitis A und B gibt es eine Impfung, die einen sicheren Schutz bietet. Diese Möglichkeit solltest du unbedingt wahrnehmen. Ansonsten achte auf deinen Körper, wenn es an den Geschlechtsteilen und/oder am Hintern juckt, brennt, fließt oder beißt: GEHE ZUM ARZT!

Mythen um Bareback-Sex:

Safer Sex ist nicht mehr nötig, da es ja Medikamente gibt!

Falsch! Die heutigen Medikamente bieten keine Heilung. Sie können lediglich den Infektionsverlauf verlangsamen, müssen ein Leben lang eingenommen werden, haben zum Teil schwere Nebenwirkungen und können Folgeschäden bewirken.

HIV/Aids geht nur ältere Schwule was an!

Falsch! Eine HIV-Infektion ist in jedem Alter möglich. Auch wenn jemand jung, sportlich und attraktiv aussieht, kann er HIV-positiv sein oder sich mit HIV infizieren.

Alle machen unsafen Sex (Bareback-Sex)!

Falsch! Auch wenn in bestimmten Szenen vielleicht immer häufiger riskanter Sex praktiziert wird, heißt das noch lange nicht, dass dies alle tun oder gar tun muss. Du entscheidest für dich selber, welche Risiken du eingehen willst.

Der andere sagt mir schon, wenn er HIV-positiv ist!

Falsch! Untersuchungen zeigen, dass viele HIV-Positive - insbesondere bei flüchtigen oder ganz neuen Bekanntschaften - ihren Status nicht bekannt geben, da sie Ausgrenzung, Ablehnung und Diskriminierung befürchten.
Bei flüchtigen und neuen Bekanntschaften gelten daher nach wie vor die Safer Sex-Regeln.

Ich lebe in einer Beziehung, da passiert schon nichts!

Falsch! Viele schwule Männer stecken sich in einer festen Beziehung mit HIV an. Oftmals bloß deshalb, weil sie sich nicht abgesprochen haben.
Miteinander reden lohnt sich, denn in einer festen Beziehung gibt es unter folgenden Bedingungen die Möglichkeit, auf Safer Sex zu verzichten:
Wenn du einen Freund hast, könnt ihr gemeinsam einen HIV-Test machen, allerdings erst, nachdem ihr euch drei Monate lang an die Safer Sex-Regeln gehalten habt. Dies deshalb, weil es nach einer Risikosituation drei Monate dauert, bis eine Ansteckung ganz sicher ausgeschlossen werden kann. Seid ihr beide HIV-negativ, könnt ihr in der Beziehung auf Kondome verzichten - solange nur ihr beide miteinander Sex habt oder ihr euch bei Seitensprüngen immer schützt!
So ausgehandelte Sicherheit (negotiated safety) erfordert ein hohes Maß an Vertrauen und die Fähigkeit, mit dem Partner über alles sprechen zu können! Du musst dich vollständig darauf verlassen können, dass dir dein Partner "beichtet", wenn er trotz allen Versprechen unsafen Sex mit einem anderen Mann gehabt hat. Bist du dir darüber nicht sicher, sprich deinen Partner darauf an!

 

Quelle: DAH und AHS


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